Samstag, 24. Oktober 2020
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    „Ungebrochener Trend zu höheren Temperaturen“

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    Das Wetter schlägt Kapriolen: warm kalt, mal so, mal so … Beständigkeit? Fehlanzeige! Sind das Folgen des Klimawandels? Worauf müssen wir uns einstellen? Wir fragten den Saseler Extremwetterexperten Frank Böttcher.

    AlstertalPlus: Sind die Hitze Ende Juni und die heißen Tage jetzt schon aufgrund des Klimawandels so extrem?
    Frank Böttcher: Die Frage bewegt viele Menschen. Nicht zuletzt auch nach dem Sommer 2018, der mit 19 Tagen über 30 Grad und 63 Tagen über 25 Grad alle Rekorde in der Stadt brach. Die Frage drückt ein tiefes Gefühl in uns aus. Diese innere Stimme sagt uns, dass das alles nicht normal sein kann. Und diese Stimme hat Recht. In allen Wettererscheinungen, die wir erleben, steckt der Klimawandel mit drin. In jeder Windbewegung, jeder Wolke und in jedem Regentropfen wirken unsere Einflüsse auf das Klima mit. Die spannende Frage, die uns im Moment beschäftigt, ist jene nach der Stärke dieses Einflusses. Es geht also nicht mehr um das Ob, sondern darum, wie viel Klimawandel steckt in dem einen oder anderen Wetterereignis. Die ersten Studien zeigen, dass die letzten schweren Hurrikane im Golf von Mexiko erheblich weniger Wind und Niederschlag produziert hätten, wenn die Wassertemperaturen nicht so deutlich über den Normalwerten gelegen hätten. Bei uns in Hamburg kommt der Südwestwind heute im Mittel etwa zwei Grad wärmer an, als noch vor 50 Jahren. Hitzewellen fallen dementsprechend wärmer aus, wie im Juni dieses Jahres. An diesem Sommer sieht man ganz aktuell aber auch, dass das Wetter von großer Variabilität geprägt ist. Gerade bei uns in Hamburg, so dicht an der Küste. Hier kommen die kühlen Luftmassen der Nordsee immer wieder mal schnell zum Zuge und haben beim Eintreffen in den kommenden Wochen immer wieder Unwetterpotential.
    Du hast ja Vergleichszahlen – war sie überhaupt extrem? Oder kamen derart kurze Hitzeperioden mit hohen Temperaturen in der Vergangenheit auch vor?
    Hitzewellen sind in Hamburg häufiger geworden und wir sehen eine Zunahme der Temperaturrekorde über das ganze Jahr. Die Grafik  zeigt dieses eindrucksvoll durch die Verteilung der 365 aktuellen Tagesrekorde auf die jeweiligen Rekordjahre. In einem stabilen Klima würden irgendwann alle Rekordwerte durch die natürliche Schwankung abgearbeitet sein. Die grüne Linie zeigt, dass wie die Verteilung aussehen müsste, gäbe es keine globale Erwärmung. Die meisten Tagesrekorde würden aus den Jahren 1900 bis 1935 stammen. Die einzelnen Säulen zeigen, wie sich die Tagesrekorde aktuell auf die Jahre verteilen. Allein das Jahr 2018 brachte 17 neue Tagesrekorde. Die rote Trendlinie zeigt, dass sich der Anstieg beschleunigt. Wir bekommen also immer mehr Tagesrekorde, wo es doch eigentlich immer weniger geben müsste. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr besorgt. Den umgekehrten Trend sehen wir bei Kälterekorden. Diese werden immer seltener.

    Liste von Tagesrekorden innerhalb eines Jahres. Es werden mehr (Mittelwert rote Linie). In einem stabilen Klima würde die Zahl erst steigen und dann gleichmäßig abnehmen (grün).

    Es gibt ja Leute die behaupten, wir könnten uns schon mal was von den Südländern abschauen, weil es künftig häufiger passieren wird. Stimmt das?
    Es gibt auf jeden Fall sehr gute Beispiele dafür, wie eine Anpassung an höhere Temperaturen aussehen kann. Je weiter man nach Süden kommt, um so weißer werden Autos, Kleidung und Häuser. Der Grund ist ganz einfach: Die weiße Oberfläche reflektiert die Sonneneinstrahlung und dampft die Überhitzung. Hamburg hat aber einen enormen Vorteil gegenüber Städten wie Madrid oder Paris. Es liegt am Meer. Hier könnten ganz andere Maßnahmen eine viele größere Wirkung entfalten. Bei den Grünflächen der Stadt denken wir aus meiner Sicht viel zu sehr horizontal. Würde es gelingen, viele Fassaden der Stadt zu begrünen, wir hätten einige hilfreiche Effekte: Im Sommer kühlt die Verdunstung der Blätter die Stadt. In den Räumen muss weniger gekühlt werden. Schadstoffe werden von den Pflanzen gebunden und im Winter wirken die Fassaden wärmedämmend. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Hamburg ein starkes Signal für die vertikale grüne Stadt gibt und Maßnahmen in diesem Bereich stark fördert.
    Ungewöhnlich erscheint mir die – quasi seit vergangenem Jahr – anhaltende Trockenheit des Bodens. Täuscht die Wahrnehmung?
    2018 gehört zu den drei trockensten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Hamburg 1891. Dennoch besorgen mich die Niederschlagsmengen nicht, denn die Jahresniederschläge steigen im Mittel der jeweils letzten 30 Jahre leicht an und die Sommerniederschläge sind völlig stabil. Ich gehe davon aus, dass die Feuchte in den Böden schon rasch wieder steigen wird. Interessant ist der Blick in die Zukunft. Extrem heiße Sommer, wie der 2018, bringen häufig längere Trockenperioden mit sich. Käme es zu einer Häufung solcher Sommer, wir würden auch längere Trockenphasen erleben. Die Klimamodelle zeigen diese Entwicklung ebenfalls. Langfristig, vor allem ab 2050, müssen wir uns auf deutlich trockenere Sommer einstellen.
    Wie fällt dein Wetterfazit für das 1. Halbjahr aus?
    Beachtlich ist der ungebrochene Trend hin zu höheren Temperaturen. Im Mittel lagen die Temperaturen 2,3 Grad über dem langjährigen Mittel (1961-1990). Hamburg hat dieses Frühjahr die Zwei-Grad-Grenze des Klimavertrages von Paris deutlich überschritten. Wir befinden wir uns hier faktisch im Zeitalter des ungebremsten von Menschen verursachten Klimawandels. Die extreme Hitze Ende Juni und die Zunahme der Wärme- und Hitzerekorde drückt dies auf erschreckend eindrückliche Weise aus. Beim Niederschlag lagen wir unterhalb der Normalwerte, weshalb die Trockenheit in den Böden auch noch nicht gänzlich zur Jahreshälfte verschwunden war. Aber wie gesagt: Hier erwarte ich meteorologischen Ausgleich.

    Wir bekommen immer mehr Tagesrekorde.
    Das ist eine Entwicklung, die mich sehr besorgt.

    Laut Forschern haben Teile des kanadischen Permafrostbodens schon jetzt den Zustand, den man 2090 prognostiziert hat …
    Diese Entwicklung ist dramatisch und erstreckt sich nicht nur auf die Gebiete Kanadas, sondern auch auf gewaltige Landflächen im Norden Russlands. Die Kontinentalflächen erwärmen sich im Sommer immer schneller. Dass der Norden Sibiriens in diesem Sommer über Tage hinweg Temperaturen weit über der 30-Grad-Marke verzeichnete, ist Ausdruck dieses Wandels. Bei so hohen Temperaturen erwärmt sich der Boden. Diese Erderwärmung führt zum Schmelzen des Permafrostes in den oberen Bodenschichten. Ist dieser Schmelzprozess so stark, dass der Tauprozess tiefer reicht, als die Frostwirkung im folgenden Winter, so setzt dauerhaftes Schmelzen ein.
    Welche Folgen kann das für uns haben?
    Mit dem Schmelzen des Permafrostes entstehen Moore, die Methan freisetzen und den Treibhauseffekt weiter beschleunigen. Die Tierwelt in diesen Regionen verändert sich. So sehen wir Bieber in Gebieten nordwärts nach Sibirien voran kommen, in denen sie früher keinesfalls heimisch waren und wie sie die Landschaft mit ihren Bauten und Stauseen verändern. Es entstehen auf diese Weise völlig neue Lebensräume mit einer gänzlich veränderten Zusammensetzung der Pflanzen- und Tierarten. Einen ähnlichen Wandel der Arten erleben wir auch bei uns. Eingeschleppte und eingewanderte Arten, die Wärme bevorzugen, setzen sich gegen bisher heimische Arten durch. Es ist unmöglich diesen Prozess zu stoppen. Das Drüsige Springkraut, auch Indisches Springkraut genannt, werden wir nicht mehr aus unseren Gärten und Wäldern im Alstertal vertreiben können. Pflanzen wie diese sind es, die uns zeigen, dass wir letztlich machtlos gegenüber der Natur sind. Zwei Dinge sind weiterhin zu tun: Internationaler Klimaschutz und Anpassung an den sich vollziehenden Wandel.

    Kai Wehl

    „Es geht nicht mehr um das Ob, sondern darum, wie viel Klimawandel in dem einen oder anderen Wetterereignis steckt“, sagt Frank Böttcher. Foto: Berthold Fabricius

     


     

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