Mittwoch, 21. Oktober 2020
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    Start Politik & Gesellschaft "Eine Herkulesaufgabe"

    “Eine Herkulesaufgabe”

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    Der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Hamburg-Nord/Alstertal, Dr. Christoph Ploß (CDU) war kürzlich auf einem Besuch in Nigeria. Im Gespräch berichtet er von seinen Erfahrungen und erklärt, warum das Schicksal Afrikas uns in Deutschland viel mehr beschäftigen sollte.

    Das Auswärtige Amt warnt aktuell vor Reisen nach Nigeria. Wieso sind Sie ausgerechnet dort hingereist?

     Nigeria ist in 20-30 Jahren das drittgrößte Land der Welt, mit Blick auf die Bevölkerung derjenige afrikanische Staat, der mit am meisten wächst. Im Jahr 2050 wird es dort über 400 Millionen Einwohner geben, das entspricht in etwa der Größe der Europäischen Union! Gleichzeitig ist es ein Land mit einem starken Wirtschaftswachstum und großen Markt. Auch aus deutscher Sicht ist es interessant, weil viele Menschen, die Asyl beantragen, aus Nigeria kommen. Nigeria ist, je nach Betrachtungszeitraum, nach Syrien und Afghanistan das Land, aus dem die meisten Flüchtlinge kommen.

    Jetzt schon oder in Zukunft?

    Jetzt schon! Das kann sich natürlich möglicherweise noch verändern, deswegen ist es auch ein Land, das in unserem Interesse liegen sollte.

    Wie haben Sie das Land erlebt?

    Es gibt deutliche Unterschiede. Der Norden ist in der Tat sehr gefährlich. Da gibt es Islamisten, Terroristen, professionelle Entführer, die es vor allem auf die Mitarbeiter der Ölfirmen abgesehen haben. Gleichzeitig gibt es enorme Armut in dem Land, eine hohe Sterblichkeit – es gibt noch Malaria und Polio… Ich hatte mich mit Kollegen aus dem nigerianischen Parlament über die Probleme in unseren Wahlkreisen ausgetauscht. Da hörte ich Dinge wie: „Bei uns werden jeden Tag Leute auf der Straße erschossen.“ Das rückt dann doch das eine oder andere Problem zu Hause in ein anderes Verhältnis. Im Süden des Landes gibt es dann z.B. Lagos, das ist bald die größte Stadt Afrikas und möglicherweise in einigen Jahrzehnten die größte Stadt der Welt. Da gibt es natürlich auch Probleme, die wir hier im Kleinen haben – Verkehrschaos, steigende Mieten, fehlender Wohnungsbau – nur in einer anderen viel massiveren Größenordnung. Die fehlende Perspektive ist einer der Gründe, warum viele ihr Glück woanders suchen.

    Gehen wir mal auf die einzelnen Probleme ein. Inwieweit betrifft uns das rapide Bevölkerungswachstum?

    Das Bevölkerungswachstum in einigen Teilen der Welt ist eines der größten Probleme, das wir im Moment auf unserem Planeten haben und das sich noch extrem verschärfen wird, wenn die Weltgemeinschaft nicht handelt. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, führt das zu enorm vielen Folgeproblemen. Stichwort Flüchtlingsdiskussion, aber auch Terrorismus, Krankheiten, Armut, Klimawandel…  Deshalb werbe ich dafür, dass wir unsere Entwicklungs- und Außenpolitik umstellen. Wenn wir diesen Ländern helfen, sollten wir das an die Bedingung koppeln, dass Länder, die Entwicklungshilfe erhalten, politische Reformen einleiten, um das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen. Wenn eine Frau im Schnitt sechs Kinder produziert, wie das im Moment in Nigeria der Fall ist, dann kann es gar nicht ein so starkes Wirtschaftswachstum geben, dass sich das Land positiv entwickelt.

    Ein Faktor ist ja auch der Glaube – sowohl Muslime als auch Christen, die Kinderreichtum als Segen ansehen. Sie selbst sind Vertreter einer christlichen Partei. Wie können Sie diesen Menschen ihre Ansichten ausreden?

    Es gibt natürlich auch in meiner Partei einige, die sagen, das dürfe man nicht thematisieren, das sei unchristlich, diese Debatte dürften wir nicht führen und jeder solle so viele Kinder bekommen, wie er möchte. Das ist grundsätzlich auch richtig und in vielen Ländern gar kein Problem. Wenn in Deutschland eine Familie sechs Kinder bekommt, finden wir das wunderbar. In Nigeria sieht’s anders aus, sodass es auch aus christlicher Sicht nicht gut ist, all die Folgeprobleme auszublenden, die ich schon angesprochen habe. Diese Diskussion zu führen und möglichst bald konkrete Ergebnisse zu erreichen, ist sowohl im Sinne der afrikanischen Staaten als auch in unserem deutschen Interesse.

    Christoph Ploß diskutierte mit Verleger Wolfgang E. Buss und Christian Luscher, stv. Chefredakteur (v.r.)

    Sie haben auch mit Experten für nachhaltige Landwirtschaft gesprochen. Wie weit sind die Nigerianer da?

    Die afrikanischen Staaten haben großes Interesse daran, die Digitalisierung in ihrem Land voranzutreiben. Teilweise steht das auf ihrer Agenda viel weiter oben als andere Themen. In einigen Ländern ist die Digitalisierung weiter fortgeschritten als in Deutschland, weil darüber auch einige Probleme gelöst werden können. Zum Beispiel, wenn in der Landwirtschaft Arbeitsabläufe automatisiert werden, kann man damit auch größere Mengen Nahrungsmittel erzeugen. Auch der Umgang mit Plastik ist in Afrika ein Thema. In Kenia gibt es mittlerweile ein Verbot von Plastiktüten. Trotzdem gehört auch zur Wahrheit dazu: Viele der Menschen haben ganz andere Sorgen. Man sieht auch in vielen Teilen der Gesellschaft überhaupt kein Umweltbewusstsein, die Menschen werfen ihren Müll einfach irgendwohin. Hier kommen wir wieder zum Punkt Bevölkerungswachstum. Wenn die Bevölkerungszahlen so steigen, wird auch mehr Holz abgetragen aus dem Wald, um Energie zu erzeugen und Landwirtschaft zu betreiben –  deshalb sind Bevölkerungswachstum und Klimaschutz eng miteinander verbunden.

    Das wird sich aber nicht überall einfach durchsetzen lassen. In einigen Gebieten in Nigerias Norden herrscht die Scharia, gilt noch die Todesstrafe, sind Frauen rechtelos, werden Homosexuelle gesteinigt, in Gefängnissen wird gefoltert… Kann man diesen Leuten wirklich mit Digitalisierung und Klimaschutz kommen?

    Selbst in Slums, die ich inkognito besucht habe, haben viele Menschen ein Smartphone. Gerade die Islamisten im Norden des Landes sind digital gut vernetzt. Klar ist: Klimaschutz spielt im Norden auch keine so große Rolle, wenn die normale Bevölkerung permanent Angst um ihr Leben haben muss. Als ich in Nigeria war, hat Boko Haram gerade ein Dorf mit knapp einhundert Einwohnern mit Maschinengewehren komplett ausgelöscht.

    Haben Sie selber manchmal Sorge, wenn Sie freundliche Bilder aus Nigeria auf Instagram posten, dass Sie sich von einem Land, in dem solche furchtbaren Sachen passieren und auch in puncto Korruption noch viel zu tun hat, ein stückweit instrumentalisieren lassen?

    Das würde ich überhaupt nicht so sehen. Wir müssen auch im Deutschen Bundestag ein viel größeres Interesse an Afrika und an diesen Themen haben. Deswegen bin ich ja in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung dort hingefahren, weil viele Themen, über die wir im Bundestag entscheiden, mit Afrika zu tun haben oder aus Afrika kommen. Außerdem ist es so: Wenn wir da offizielle Veranstaltungen haben, muss ich nicht griesgrämig herumlaufen und nur schlechte Stimmung verbreiten. Ich muss versuchen, die Menschen für die Themen dieses Interviews einzunehmen. Das geht nur über direkte Gespräche. Dass man dabei auch freundlich und motivierend rüberkommt, finde ich schon wichtig. Sonst treibe ich ein Thema nicht voran. Was ich auch gemerkt habe: Es gibt dort sehr viele Menschen, die motiviert und auch teilweise gut ausgebildet sind. Ich habe mich mit vielen interessanten Nigerianern unterhalten – das war auch eines der Fotos, auf denen ich freundlich lächle – wo man wirklich gemerkt hat: Da sind Enterpreneurs, die wirklich was schaffen wollen, die manchmal verzweifeln, weil die Digitalisierung und die rechtsstaatlichen Strukturen nicht vorangehen. Wenn wir diese Menschen unterstützen und sie erfolgreich sind, gibt es wieder größere Perspektiven für die dortigen Menschen. Ich traf beispielsweise gut ausgebildete Afrikanerinnen, die als Unternehmerinnen tätig sind und sogar eigene Firmen gegründet haben. Wenn es um die Eindämmung des Bevölkerungswachstums geht, müssen wir vor allem auch an die Frauen denken.

    Gut ausgebildete Unternehmerinnen zu finden,müsste im Norden Nigerias allerdings fast unmöglich sein!

    Ja, klar! Insbesondere im Norden gibt es traditionelle Bilder. In Nigeria gibt es von Region zu Region verschiedene Entwicklungsphasen und Auffassungen – das ist bei uns in Deutschland und anderen Ländern ja nicht anders. Natürlich, insgesamt sind alle die in diesem Interview diskutierten Themen eine absolute Herkulesaufgabe. Nichtsdestotrotz gilt: Wenn wir als Europäer nichts tun und es auch in Deutschland kein Interesse an diesen Themen gibt, dann wird es irgendwann richtig knallen. Das können wir uns heute noch gar nicht ausmalen.

    Fotos: Kai Wehl

     


     

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