Donnerstag, 29. Oktober 2020
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    Austausch ist besser!

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    In seinem neuen Buch zeigt der Hamburger Kabarettist und Autor Kerim Pamuk, wie die europäische Kultur schon seit 1.500 Jahren vom Orient beeinflusst wurde. Wir sprachen mit ihm über Tulpen, Kaffee und den Alten Fritz!

    Alstertal Magazin: Wie kamen Sie zu dem Thema?

    Kerim Pamuk: Wir leben ja leider in einer Zeit, in der viele gerne neue Gräben ziehen, man sich abschotten will und behauptet, wir sind ja anders als „die“. Ich dachte, es wäre doch mal spannend zu gucken, was uns alle verbindet. Wenn man dann ein bisschen nachforscht, merkt man, dass es schon immer einen kulturellen, kulinarischen und wirtschaftlichen Austausch gab. Europa hat viele Jahrhunderte sehr vom Morgenland profitiert. Darum sollten wir Europäer uns die leider oft herablassende Sicht auf den nahen und fernen Orient sparen

    Hat das auch noch mal Ihren Blick auf den Orient verändert?

    Ich habe natürlich auch viel dazugelernt. Der Strom von Waren und Kultur begann im Fernen Osten, ging über Zentralasien in den Nahen Osten und erreichte über das Mittelmeer schließlich Europa. Und Araber waren die Transporteure! Dazu haben die Araber in der Astronomie, Mathematik, Medizin und auch Landwirtschaft vieles weiterentwickelt, Neues hinzugefügt. Durch Eroberungen und Handel gelangten dann diese Dinge nach Europa. Ich habe erfahren, wie etwa die Tulpenmanie in den Niederlanden entstand und zum ersten Börsencrash der Geschichte führte. Die Tulpe kommt ursprünglich aus Zentralasien. Das Wort „Tulpe“ geht übrigens auf ein Missverständnis zurück. Ein Habsburger Diplomat zeigte vermutlich auf eine Tulpe, die im Turban eines Osmanen steckte und der Übersetzter sagte „Türban“, weil er dachte, der Diplomat meint die Kopfbedeckung. Daraus machte der Diplomat dann „Tulipan“, daraus wurde dann unsere „Tulpe“.

    Haben Sie denn einen Lieblingsfakt?

    Es gibt viele! Der Alte Fritz war ein Kaffeejunkie, hat Unmengen davon konsumiert. Oder das Zitat eines alten holländischen Kupferstechers, der lange vor dem großen Tulpencrash sagte: „Ein Trottel und sein Geld – die bleiben nicht lange zusammen.“

    Von welchen Dingen wissen die wenigsten Deutschen, dass sie aus dem Orient kommen?

    Ich glaube nicht, dass viele wissen, wie viele Worte aus dem Arabischen ins Deutsche eingesickert sind: Algorithmus, Gitarre, Orange… Auch dass sehr viele Schriften der Antike über das arabische Andalusien wieder in die europäische Geisteswelt eingewandert sind. Die Werke antiker Philosophen, Physiker und Universalgelehrter wurden ins Arabische übersetzt. Bei den Mauren wurden die Werke dann später ins Lateinische und Spanische übersetzt. Vieles vom kulturellen Erbe der Antike ist also über das Arabische gerettet worden. Es gab eine kurze Epoche in Andalusien, in der ein fruchtbarer Austausch von Muslimen, Christen und Juden auf Augenhöhe stattfand! Das ist doch eine großartige Botschaft! Wenn man die Religion außen vor lässt und sich ums Wesentliche kümmert, ist also ein Austausch möglich.

    Kann das Buch vielleicht auch helfen, die Leute zu überzeugen, die heute einen solchen Austausch nicht mehr für möglich halten?

    Kommt auf die Sicht der Leute an. AfD-Wähler werden von all dem nichts wissen wollen. Es würde ihr Weltbild demolieren. Aber Menschen, die erfahren möchten, wie alles zusammenhängt, die kann man sicher erreichen. Das ist dann schon mal ein guter Anfang. Ich denke, es kann nur helfen, wenn man den Leuten unterhaltsam die Dinge zeigt, die uns schon immer verbunden haben. Dann verändert sich vielleicht auch die Sicht auf das vermeintlich Fremde. Wissen und Dialog haben noch nie geschadet.


    Kiffen, Kaffee & Kajal“ von Kerim Pamuk hat ca. 240 Seiten, ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet 18 Euro.

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