Freitag, 30. Oktober 2020
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    Start Natur Die Meerforelle ist zurück!

    Die Meerforelle ist zurück!

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    Ende des vergangenen Jahres machte Frank Schlichting in der Alster die Entdeckung seines Lebens: eine Meerforelle. Rund 55 cm lang. Gut fünf Jahre zuvor hatte er sie als 1 cm langen Brütling im Fluss ausgesetzt – es ist eine Geschichte von Mühsalen, Hoffnung und Erfolg.

    Bist du immer noch euphorisch? Du hast mir in einem früheren Interview erzählt, dein Freudenschrei würde bis zum Rathaus zu hören sein, wenn du mal eine Mefo fängst.

    Ja, so ungefähr war das auch. Den Tag werde ich nicht vergessen. Es war Freitag, der 29. November. Wir haben mit unserem  Angelverein „Alster“ eine elektronische Fischung durchgeführt, zwischen der Wohldorfer Schleuse und Trillup. Plötzlich war sie da. Seit über zehn Jahren knie ich mich in das Projekt Wiederansiedelung der Meerforelle voll rein, besorge die Fische und setze sie aus. Das ist sehr viel Arbeit, deswegen war der Fang der ersten Meerforelle die Erfüllung eines Traumes.

    Kann ich mir vorstellen. Du hast sie, wie gerade gesagt, nicht geangelt, sondern bei einer E-Fischung gefangen. Wie funktioniert das, hängt da ein Draht im Wasser?

    Am Heck des Bootes befindet sich ein Kupferdraht als Kathode im Wasser, am Bug steht eine Person mit einem langen Metallkescher, der als Anode fungiert. Der Anodenführer, so nennt man die Person, die ihn führt – in diesem Fall ich – kann mit einem Knopfdruck den Kescher einschalten und so unter dem Boot ein Spannungsfeld zwischen Anode und Kathode erzeugen. Alle sich im Spannungsfeld befindlichen Fische werden betäubt und können leicht gekeschert werden. Wir haben sie anschließend wieder freigelassen. Denn Ziel der E-Fischung ist meistens der Nachweis bestimmter Fischarten, in unserem Fall der Mefo.

    Habt ihr so etwas schon häufiger durchgeführt?

    Im vergangen Jahr zum Beispiel. Allerdings hat das nicht so gut funktioniert. Aus diesem Grund hat unser Angelverein ein vernünftiges E-Fischgerät erworben, mit dem wir auch wirklich Gewässer befischen können.

    Das hat sich bekanntermaßen ja gelohnt. Wo genau habt ihr wie viele Mefos gefangen?

    Die erste Mefo haben wir auf Höhe Alsterblick in Duvenstedt gekeschert. Eine beachtliche Leistung und eine kleine Sensation, denn man muss wissen, dass der Fisch dazu nicht nur die Rathausmarkt-Schleuse, die Außenalster und die Ohlsdorfer Schleuse überwunden hat, sondern auch die in Poppenbüttel. Und die hat ja noch gar keine Fischtreppe. Bei Hochwasser ist es aber für die Fische kein Problem, das Wehr hochzuspringen, denn davor ist es tief und die Fische können Schwung holen. Die Mellingburger Schleuse können sie über einen Seitenarm umschwimmen. Lediglich die Wohldorfer Schleuse stellt ein unüberwindbares Hindernis dar. Noch, denn zum Glück werden alle Alsterschleusen nach und nach mit Fischtreppen versehen. (siehe dazu auch diesen Beitrag zur Poppenbütteler Schleuse auf Alstertalplus.de, d.Red.)

    In zwei weiteren Befischungen unterhalb der Poppenbüttler Schleuse konnten wir in Poppenbüttel beim ersten Mal sieben und dann noch einmal drei Exemplare nachweisen.

    Ich habe schon seit langem vermutet, dass aufgestiegene Meerforellen in der Alster sind. Schließlich habe ich zusammen mit meinem Angelverein Alster seit über zehn Jahren rund 100.000 etwa 1 cm große Mefo-Brütlinge in kleinen Nebenbächen der oberen Alster ausgesetzt. Man geht von einer Rückkehrerquote von 1 % aus. Ich hatte früher gedacht, dass es weniger sein werden. Jetzt bin ich sehr optimistisch, dass wir diesen Wert erreichen.

    Gab es vorher nie einen Nachweis?

    Doch. Vor einigen Jahren hat mir ein Angler ein Foto von einer Mefo gezeigt, die er unterhalb der Ohlsdorfer Schleuse geangelt hat. Von daher wusste ich, dass Fische im Alster-System sind, aber eben nicht in der oberen Alster, wo ich sie aussetze. Dort fehlte ein Nachweis. Der ist auch schwer zu erbringen, denn die Fische steigen erst ab Oktober auf und gehen schon im Januar zurück ins Meer. Da es sich um eine wenig angelintensive Zeit handelt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ein Angler eine fängt.

    Aber es können also auch die Jahre davor schon welche da gewesen sein?

    Davon gehe ich aus. Und die Menge der jetzt bei nur drei Befischungen nachgewiesenen Fische ist für mich das Zeichen, dass wir einen richtig gut funktionierenden Mefo-Aufstieg in der Alster haben. Aus diesem Grund besteht jetzt auch Möglichkeit, dass sie sich in der Alster auch vermehren können. Das ist langfristig auch der Plan, denn bisher stammen die Fische aus künstlicher Befruchtung. Fische aus der Luhe wurden gefangen, nach einer gewissen Zeit abgestreift und die Eier anschließend künstlich befruchtet. Die mühevoll gezüchteten Brütlinge haben wir dann bei uns ausgesetzt.

    In drei Elektro-Befischungen konnten Frank Schlichtung und ein Team vom Angelverein “Alster” 11 Meerforellen fangen. Ein großer Erfolg der zeigt, dass es einen guten Mefo-Aufstieg in die Alster gibt und sicherlich  noch mehr Fische da sein werden. Foto: privat

    Ihr habt rund 100.000 Fische in über zehn Jahren ausgesetzt. Ist das teuer und wer bezahlt das?

    Früher hat unser Angelverein Alster die Kosten getragen, seit 2017 stammt das Geld aus der Hamburger Fischerabgabe, die jeder Angler einmal pro Jahr entrichten muss (aktuell 10 Euro). Die Brütlinge sind aber zum Glück vergleichsweise günstig, 10.000 Stück kosten rund 350 Euro. Allerdings sind 10.000 Stück nicht wirklich viel. Sie sind ja nur etwa 1 cm groß und aus diesem Grund ist jeder Stichling, Frosch oder Gelbrandkäfer ein potentieller Fressfeind.

    Die Anzahl, die wir über die Jahre aussetzen konnten, hing übrigens immer davon ab, wie viele Forellen abgestreift werden konnten. Es gab schlechte Jahre mit nur 6.000 Brütlingen, dafür aber auch welche mit 50.000.

    In Zukunft, vor allem, wenn alle Alster-Schleusen Fischtreppen haben, steigt also die Chance auf eine natürliche Vermehrung. Ist die Alster dafür geeignet?

    Ja, denn die Mefos und auch Forellen benötigen Kiesflächen für die Eiablage und die gibt es in der Alster. Natürliche und auch künstlich angelegte Flächen durch die Stiftung Lebendige Alster. Das Weibchen schlägt mit seiner Schwanzflosse eine Mulde in den Kies und legt darin die Eier ab. Das Männchen befruchtet sie. Anschließend schüttet das Weibchen mit der Schwanzflosse die Mulde wieder zu. Wichtig ist, dass der Kies voll durchströmt ist, damit die Eier Sauerstoff haben. Nachdem die Fische geschlüpft sind, bleiben sie im Kies, bis sie schwimmfähig sind und kommen dann raus. Leider gibt es in der Alster das Problem, dass sie eine enorme Sandfracht hat, die jedes angelegte Kiesbett innerhalb weniger Tage zusanden kann.

    Woran liegt das?

    Die Alster ist von jeher eher ein sandiger Fluss, aber eben mit auch vielen Kiesstrecken. Von seiner Form her mäandert er und so wird immer mal ein wenig Sand mitgespült. Ziel ist es, die Strömungsgeschwindigkeit der Alster zu steigern, damit die vorhandenen Kiesabschnitte durchspült werden.

    In den Medien stand, die erste Mefo seit 100 Jahren. War sie bis 1920 heimisch bei uns?

    Die Information, dass vor 100 Jahren Mefos in der Alster waren, habe ich nicht. Unser Verein hat die Alster seit 1935 gepachtet und seitdem war nie die Rede davon. Aber bevor der Fluss durch Schleusen abgetrennt wurde – sie machten den Aufstieg lange Zeit unmöglich – werden sie dagewesen sein, denn vergleichbare Zuflüsse der Elbe wie die Ilmenau, vor allem aber wie die Seeve und die Luhe verzeichnen enorme Mefo-Aufstiege. Bei letzterer wurden bei einer E-Fischung einmal rund 150 Mefos gefangen. Das wird bei der Alster ähnlich gewesen sein.

    Jetzt eine Klassikerfrage bezüglich der Hege und Pflege, die ihr als Angelverein ja lobenswerterweise betreibt – etwa das jährliche Müllsammeln (HIER geht es zu einem Beitrag) – ist der Mefo-Besatz eher vom Angelwunsch oder vom Naturschutzgedanken geleitet?

    Ich interessiere mich vor allem für europäische Süßwasserfische. Und da haben wir in der Alster wirklich Glück. Die Wasserqualität ist so gut, dass seltene und geschützte Arten wie Bachneunauge, Mühlenkoppe und Bitterling heimisch sind. Natürlich besetzen wir auch Angelfische wie etwa die Bachforelle. Die ist dann aber 20 statt einem Zentimeter lang. Ich persönlich muss die Mefo gar nicht zwingend selber angeln, für mich ist es einfach toll, die Wiederansiedlung hinbekommen zu haben. Sollte ein Angler mal eine fangen, würde ich mich für ihn freuen. Es muss übrigens niemand Angst haben, dass Angler künftig alle Mefos aus der Alster herausangeln, denn in dem Zeitraum, in dem sie hier sind, haben sie Schonzeit.

    Glückwunsch, dass dein Traum nach zehn Jahren Einsatz in Erfüllung gegangen ist.

    Danke. Einen habe ich übrigens noch, neben der natürlichen Vermehrung in der Alster. Ich würde gerne an der Poppenbütteler Schleuse ein Foto in dem Moment schießen, in dem eine Meerforelle das Wehr hochspringt.

    Alstertalplus drückt die Daumen, dass das auch noch klappt. Kai Wehl

     

    Infos zum Fisch:

    Die Meerforelle (Salmo trutta trutta) zählt zu den Lachsartigen (Salmonidae) – unter anderem gut erkennbar an einer kleinen Flosse (sogenannte Fettflosse) vor der Schwanzflosse – und gilt als Stammform der Art Forelle (Salmo trutta). Die Durchschnittsgrößer beträgt 60 cm. Die Mefo kommt an den Küsten Europas vor und ist ein anadrom lebender Wanderfisch, der in seiner Lebensweise und seinem Verhalten dem atlantsichen Lachs sehr ähnlich ist. Im Meer unternimmt der Fisch ausgedehnte Wanderungen und steigt zum Laichen auch bis in kleine Flüsse auf. Weitere Infos zum Fisch gibt es HIER.

    ZUGABE: Lesen Sie HIER ein Interview mit Frank Schlichting zum Mefo-Besatz aus dem Mai 2019!

     


     

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